Interview mit FAZ.NET 29.08.2008
„Autorität kann man sich erarbeiten”
„Wenn Sie nicht tun, was ich sage, fliegen Sie raus.” Ein Chefgebaren wie dieses mag überzeichnet und ein persönliches Armutszeugnis sein. Letzten Endes verfügen Vorgesetzte aber über disziplinarische Mittel, um ihre Mitarbeiter (wieder) auf Kurs zu bringen. Anders bei Team- und Projektleitern oder Inhabern einer Stabsfunktion: Sie tragen die Verantwortung für ihr Aufgabengebiet, sind dazu auf die engagierte Beteiligung von Kollegen angewiesen, haben aber jenseits ihrer persönlichen Autorität keinerlei Weisungsbefugnis. Wie es gelingt, Mitarbeiter unabhängig von Machtstrukturen zu führen und welche Fallstricke lauern, verrät Simone May, Geschäftsführerin der Kölner Beratung May-Personalmanagement, im Interview mit FAZ.NET.
Was bedeutet es, Führung
wahrzunehmen?
Führen bedeutet, Menschen zu
bewegen, eine Aufgabe bestmöglich auszuführen, sprich: Leistung
zu
ermöglichen. Hierfür werden mehr
persönliche und soziale Kompetenzen benötigt als fachliche.
Selbst dann nicht, wenn ein
Projektleiter gewißermaßen als Gleicher unter Gleichen führt?
Fachliches Wissen ist von Vorteil, aber kein Muß. Entscheidend
ist vielmehr,
die Führungsrolle mit einem gewißen Selbstverständnis
auszufüllen und
Kollegen in dem, was sie wissen und können, zu fordern und
fördern.
Was gehört zu diesem „gewissen
Selbstverständnis”?
Der Projekt- oder Teamleiter muß die Fäden sicher in der Hand
halten und die Gruppe auf ein gemeinsames Ziel einschwören. Dies
aber nicht durch Druck oder Ausüben von Macht – das steht ihm
nicht zu. Sondern vielmehr, indem er mit seiner persönlichen
Autorität einen Sog erzeugt. Wichtig ist, emotional statt
funktional zu führen. Nur wer sich auf die Mitarbeiter einläßt,
kommt über die fehlende Weisungsbefugnis hinweg.
Gibt es so etwas wie natürliche
Autorität? Und läßt sie sich erwerben?
Natürliche Autorität wird oft in einem Atemzug mit Charisma
genannt. Das erlernen zu wollen, ist paradox. Man kann sich aber
die zugewiesene Autorität erarbeiten: durch faires,
wohlwollendes und zuverlässiges Handeln. Indem man lebt, was man
sagt.
Wie weit sollte sich ein Team- oder
Projektleiter im Sinne der Autorität von den Kollegen abgrenzen?
Nur insoweit, als er sich zurückhalten sollte, wenn seine
Meinung nicht mit der Meinung der oberen Vorgesetzten
übereinstimmt. Tut er das nicht, unterminiert er seine eigene
Rolle. Statt mit den Kollegen ein Klagelied über unsinnige Vorgaben anzustimmen, sollte er ihnen den höheren Sinn
erklären und Empathie vermitteln. Notfalls mit der Parole: Da
müßen wir jetzt alle durch.
Worauf sollten informelle Chefs in
punkto Kommunikation noch achten?
Viele Projekt- und Teamleiter sprechen sehr weich und im
Konjunktiv, etwa: „Es wäre schön, wenn du das machen könntest”
oder „Ich würde dich bitten, bei Gelegenheit…”. Das läßt dem
Geführten stets ein Hintertürchen offen – weil sich die
Gelegenheit eben noch nicht geboten hat. Sprechen zwei
miteinander, die keinen richtigen Pakt geschloßen haben, ist es
schwierig, Absprachen verbindlich einzufordern. Besser ist es,
auf höfliche Art indivi-duelle Ziele zu vereinbaren, etwa: „Wie
kannst du es möglich machen, die Unterlagen rechtzeitig bereit
zu stellen?” Damit ziehe ich den Mitarbeiter klar in die
Verantwortung.
Was tun, wenn ein Kollege im Team
nicht mitzieht?
Am besten, man versucht im Zweiergespräch herauszufinden, was im
Argen liegt: Ist es ein sachliches Problem, etwa weil dem
Mitarbeiter Erfahrung oder ausreichend Zeit für die Aufgabe
fehlt? Oder ist es ein persönliches Problem, weil der
Mitarbeiter nicht mit dem Kollegen zusammen arbeiten will?
Widerstände lassen sich am besten durch offene Fragen oder einen
gedanklichen Rollentausch brechen. Die Frage: „Wenn du an meiner
Stelle wärst, wie würdest du das anpacken?” ist ein rhetorisch
sehr machtvolles Instrument.
Zu drohen, etwa daß man den disziplinarischen Chef einschaltet,
ist wenig
hilfreich. Wenn dieser abblockt, kann sich das sogar als
Eigentor erweisen – was nicht selten der Fall ist.
Welche Rolle spielt der Umgang mit
dem eigenen Chef für Projektleiter?
Ein vertrauensvoller Umgang mit der eigenen Führungskraft ist
entscheidend für das eigene Selbstverständnis als Projektleiter.
Dazu gehören Fördergespräche, in denen Erwartungen klar
formuliert werden und Vorgehensweisen bei Problemen diskutiert
werden. Nach dem Motto: „Was machen wir im Falle daß…?” Das
passiert meiner Beobachtung nach allerdings nur selten. Viele
meiner Kursteilnehmer klagen über mangelnde Rückendeckung durch
ihren Chef.
Das Gespräch führte Birgit Obermeier.
Text:
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